Im Dilemma

Ein kluger Manager hat mir diesen Satz über den Stehtisch geworfen: Es gehe heutzutage nicht mehr darum, Probleme zu lösen, sondern Dilemma zu kalibrieren. Als von den Wogen zweier bewegter Leben gestähltes Paar wissen Judith und ich, dass Dilemma sich stets aus zwei gleichschlechten Lösungen ergeben. Also warmes Bier oder süßer Wein. Es gibt auch große Dilemma, die in der Mehrzahl Dilemmata heißen, was aber nur ein Ausdruck für Achtmalkluge ist. Zum Beispiel das Benzin an der Tankstelle nicht mehr zahlen können, aber den Anschaffungspreis für das Elektroauto auch nicht. Und: Krieg führen oder warten, bis der Krieg kommt? 

Ich habe natürlich bewusst Achtmalkluge geschrieben. Genauso, wie wir ein bisschen besser finden, den Tag vor dem Abend zu loben, als Klügerer niemals nachzugeben, sowie das Glück in Liebe und Spiel gleichzeitig zu suchen. Nur vor meinem Geburtstag, der mit Riesenschritten in circa drei Monaten herangeeilt sein wird, mache ich Judith oft klar, dass Geben seliger ist denn Nehmen und inzwischen alles sehr lange Lieferzeiten hat.

Denn Warten ist etwas, was ich sehr schlecht kann. Ich halte Geschwindigkeit für ein Qualitätsmerkmal, und wenn mich einer nach meiner Schwäche fragt, dann sage ich natürlich „Ungeduld“. Das ist eine Standardantwort, zu der Coaches Managern raten, falls sie mal nach ihrer Schwäche gefragt werden. Ein rausgeknurrtes „Ungeduld“ unterstreicht dann eindrucksvoll die geborene Führungspersönlichkeit. Ja, so eine bin ich.

Als solche habe ich eben im Biergarten die plärrende Kleine energisch Judith aus den Armen genommen, fachmännisch geschnüffelt und sie quer über die Bierbank zum Wickeln gelegt. Und da war es wieder, mein Dilemma: Die Hose war voll und die Feuchttücher waren leer. Ich habe kurz zwischen meiner rechten und meiner linken Hand kalibriert und das Problem gelöst. Managerweisheiten taugen im praktischen Leben wenig, stelle ich fest.