07.2020.

Küche machen wir morgen.

Edward Bellamy ist ein heute eher in Vergessenheit geratener amerikanischer Schriftsteller, der einen großen Schnauzbart trug und in seinem Roman „Ein Rückblick aus dem Jahre 2000 auf das Jahr 1887“ den Hauptakteur aus dem Vereist-Sein auferstehen und seine Zeit mit einer Entwicklung hundert Jahre weiter vergleichen ließ. Bellamy outete sich damit als ein Anhänger der Kryonik, der auch die deutsche Gesellschaft für Angewandte Biostase etwas abgewinnen kann. Biostase und Kryonik sind Methoden, die lebende Organismen wie etwa Judith und mich schockmäßig einfrieren und irgendwann, wenn alles besser ist, wieder auftauen wollen. Die deutschen Forscher legen dabei nach eigenen Angaben einen besonderen Schwerpunkt auf die Qualitätssicherung, was mir sehr sinnvoll erscheint, weil das Auftauen nach dem jetzigen Stand der Wissenschaft wirklich ein Problem ist.

Gerade deswegen sind wir der Meinung, man sollte jetzt die Deutsche Gesellschaft für Angewandte Biostase auf höchster Regierungsebene einbeziehen, um das Wiederauftauen eingefrorener menschlicher Beziehungen, die Enteisung wirtschaftlicher Verflechtungen sowie die Ertüchtigung meiner unter Bewegungsarmut erstarrten Glieder zu diskutieren. Und ehrlich gesagt: Wenn unter die Corona der Experten wie Lothar Wieler vom Robert-Koch Institut oder dem bundesdeutschen Chef-Virologen Christian Drosten so einer wie der deutsche Biostase-Vorstand Christian Röder käme, wäre das doch ein Stimmungsaufheller. Röder trägt übrigens Ansätze zum Vollbart.

Judith und ich haben jüngst abends gute Erfahrungen mit dem Auftauen gemacht. Ich hatte vor zweieinhalb Jahren eine Entenkeule eingefroren. Das war zum Einzug in meine damalige Wohnung, und die Keule war ziemlich unnachhaltig vom Discounter. Ich wollte sie irgendwann die Woche essen. Daraus wurde nichts, sie geriet in Vergessenheit, und als ich vor einem Monat auszog, riefen mich meine Nachmieter an, ob ich die Entenkeule noch brauchen würde. Ich holte sie ab, weil ich auch noch im Keller die Schneeketten vergessen hatte, die wegen des Klimawandels wie neu sind. Judith und ich haben die Keule dann gleich wieder eingefroren und eben Donnerstag aufgetaut und mit Risotto gegessen. Sie schmeckte wie am ersten Tag.

Und das ist es, was wir sagen wollen: Wir glauben, wenn wir die eingefrorenen Verhältnisse von heute irgendwann wieder aufgetaut haben, schmecken sie genauso wie vorher. Diejenigen, die schon immer „höher, schneller, weiter“ gerufen haben, rufen auch dann wieder „höher, schneller, weiter“. Und an sich ist das auch nicht schlecht, denn hinter diesem Credo verbirgt sich der Fortschritt, und wir wollen ja alle nicht mehr mit dem Faustkeil die Tastatur bedienen. Wir wollen alle auch endlich einen Impfstoff haben. Es ist ein kleiner Irrweg im Kopf zu glauben, dass nach dieser Krise alles anders wird. Das zeigt schon der Blick in die Geschichte: Der dreißigjährige Krieg, die Erfindung des Buchdrucks und der Dampfmaschine sowie die Atombombe auf Hiroshima haben die Weltläufte verändert. Die große Pest von 1347, die übrigens in China ihren Ursprung hatte, und sich von da aus über die alte Seidenstraße bis Nordeuropa ausbreitete, hat es nicht.

Ein bisschen besser ist es, einfach jetzt schonmal mit dem anzufangen, was sich ändern soll. Zum Beispiel im Leben abends zu sagen: „Die Küche machen wir morgen.“ Am Abend lassen sich sinnvollere Dinge erledigen und morgen ist auch noch ein Tag, an dem wir Zeit haben. Und der erste, der morgens runter geht, macht es einfach schnell und hat damit gleich ein kleines Geschenk für den anderen. Wertschätzung nennt sich das. Edward Bellamy hätten wir diese Erkenntnis gewünscht. Er verstarb leider vorher mit 48 Jahren an einer Lungenkrankheit.  

06.2020.

im Keller.

Auf der A2 zwischen Castrop-Rauxel und Lindhorst geht heute eine Gänsefamilie. Sonst ist nichts los im Verkehrsstudio. Der Keller ist unaufgeräumt und Judith sagt, wir könnten mal. Sonst ist nichts los zu Hause. Udo Jürgens singt auf Vinyl: „Ihr von morgen werdet neue Wege gehen.“ Schön, wenn der alte Udo, die Philosophie mit seinem Beipackzettel versieht. Udo, wie geht es Dir da oben? Was singst Du? „Aber bitte mit Abstand.“ Es ist eben nicht die Zeit zum auf die Sahne hauen.

Ihr von morgen. Wir von heute haben den Eindruck, einer Corona-Zeitenwende beizuwohnen. Gestern war vor C. Morgen ist nach C. Heute ist Hohes C. Statt der großen Koalition regieren Virologen. Sie sind im besten Fall Experten, gewählt habe ich sie nicht. Es herrscht das Alles-hört-auf mein-Kommando-Phänomen. Wer als erstes laut sagt, wo es lang geht, ist ein Held. Wer zaudert, bringt sich und andere in Gefahr. Mein Grundgesetz, dessen 70. Geburtstag ich gerne gefeiert habe und das neben der Bibel bei mir im Schrank steht, ist zugunsten eines mir bis eben unbekannten Seuchengesetzes altpapierreif geworden: „Alle Deutschen haben das Recht, sich ohne Anmeldung oder Erlaubnis friedlich und ohne Waffen zu versammeln“, steht in Grundgesetz-Artikel acht, der vor C. geschrieben wurde. „Nicht die Starken bedürfen des Arztes, sondern die Kranken“, steht bei Matthäus, der kurz nach Chr. aufzeichnen ließ. Einer von Euch beiden hat offenbar doch nur ein One-hit-wonder verfasst. Matthäus, Du bist es übrigens nicht.

Ich lese, dass Kuba und Russland, medizinisches Gerät und auch lebende Mediziner nach Italien entsenden. Bei uns in Düsseldorf-Stadtmitte herrscht derweilen Nahkampf um Pasta für den Bauch und Papier für den Hintern. Esst weniger Pasta, dann braucht ihr weniger Papier, denke ich mir und kehre um ohne einzukaufen. Man muss kein großer Anti-Esoteriker sein, um zu erkennen, dass Füreinander und Miteinander keine Selbstgänger am day before sind.

Für morgen liegen Theaterkarten in der Schublade: „Lulu“. Judith und ich hatten uns aufs Bier in der Pause gefreut, bei dem ich mir immer die Kleider der Frauen anschaue. Und ich war neugierig auf den Prolog: „Hereinspaziert in die Menagerie, ihr stolzen Herrn, ihr lebenslustʼgen Frauen. Mit heißer Wollust und mit kaltem Grauen die unbeseelte Kreatur zu schauen, gebändigt durch das menschliche Genie.“ Leider ist das Genie verschwunden, wie überhaupt der ganze Spielplan Makulatur ist. Stattdessen herrschen die Nachfahren von Steve Jobs und machen uns glauben, dass der halbstündige, 20minütige, nein: 10minütige Blick aufs Smartphone eine Information liefert, die unsere Seele zum Klingen bringt. Fehlanzeige, liebe Nutzer.

Wir von heute. Wir von heute prüfen das Holz, aus dem wir geschnitzt sind. Wir fragen bei den Altvorderen nach, ob es vielleicht auch ein bisschen besser ginge, selbstverständlich virenübertragungsfrei am Telefon. Sie lesen, spazieren, essen. Manche, stelle ich mir vor, haben vielleicht den ganzen Tag Sex. Judith, ich komme. Wir räumen den Keller auf.

05.2020.

Fünf-nach-zwölf

Ich schreibe diese Zeilen um fünf nach zwölf. Ist wahr, der Zeiger ist eben über die zwölf gerutscht und theoretisch ist jetzt morgen, ich fühle mich allerdings noch dem Gestern verbunden. So richtig vorbei ist das noch nicht. Manchmal hänge ich gern ein bisschen länger im Gestern herum. 

Das Fünf-nach-zwölf ist eine Zeitrechnung, die wesentlich seltener anzutreffen ist, als die andere, die Fünf-vor-zwölf-Rechnung. Die kommt alle Nase lang vor. Beim Klimawandel ist es längst schon fünf vor zwölf, eher vier vor oder drei vor. Und wir alle denken, hoffentlich haben wir sie noch, diese drei Minuten. Bei der Corona-Krise ist es auch ganz knapp vor zwölf und wenn wir jetzt nicht die Infektionswege verlangsamen, rennt uns die Zeit davon und es ist hastdunichtgesehen nach zwölf. Und im Leben einer Frau gilt, wenn Du bis 40 keinen abgekriegt hast, ist es fünf vor zwölf, Männer haben da mehr Zeit, sagen die Männer, aber sie kennen natürlich das Phänomen.  

Wenn ich jetzt bei den Frauen und Männern als Beispiel verweile, ist klar, dass das natürlich Quatsch ist. Es gibt ein Leben nach der 40, manche sprechen vom Leben nach dem Tod, aber so ist das eben nicht. Es gibt ein Leben nach zwölf und zwar ein sehr lebenswertes. Die Kunst besteht darin, sich im Fünf-nach-zwölf zurechtzufinden. Dabei wird es Zeit für diese neue Zeitzone. 

Denn in Wirklichkeit ist der Zeiger doch längst in den Tag danach gesprungen. Corona ist ausgebrochen und fordert seine Opfer, und wir können jetzt nur noch üben, damit umzugehen. Der Klimawandel hat eingesetzt und verändert diesen Planeten, und wir können uns nur noch damit arrangieren. Das Glas ist nicht nur halb, sondern ganz leer, und wir können zusehen, dass wir irgendwo noch Nachschub bekommen: „Herr Ober, bitte!“ 

Ist das bitter? Wie finden, anstatt ständig „Achtung – fünf vor zwölf“ zu rufen, ist es ein bisschen besser, sich das Fünf-nach-zwölf einzugestehen. Morgen ist auch ein Tag und möglicherweise lebt es sich in dem auch ganz gut. Wir glauben, das Vertrauen, das Fünf-nach-zwölf meistern zu können, entspannt die Lage wesentlich mehr, als das Schüren von Panikattacken im Fünf-vor-zwölf-Modus. Es geht darum, mit den Problemen zu leben, die wir vergessen haben, rechtzeitig abzustellen, anstatt zeitgleich mit ihrem Eintreffen den Weltuntergang zu prophezeien. 

Beim Virus funktioniert das jetzt doch schon ganz gut. Judith, die Kinder und ich jedenfalls tarieren gerade am neuen Lebensmodell. Alle sind zu Hause, keiner ist gleicher, jeder ist verunsichert, jeder hat etwas verloren: Jobs, Geld, Reisen, Träume. Mehr nicht. Und jetzt wechseln wir die Perspektive und freuen uns, dass wir wahrscheinlich eine historische Schlacht überstehen werden, zumindest wenn genügend Klopapier im Regal liegt. 

Wir glauben das Fünf-nach-zwölf kann ein sehr lebenswerter Zustand sein, der jetzt aber auch schon wieder fünfzehn Minuten her ist. Judith komm, wir gehen ins Bett. 

04.2020.

Zeit zum Aufstehen

Dieser Blog heißt: „Ein bisschen besser“. Müsste ich gar nicht schreiben, steht ja drüber. Ein bisschen besser bedeutet für uns, dass wir nicht zu den Vordenkern gehören, die nicht wissen, was sie denken, bevor sie hören, was sie sagen, sondern zu den Nachdenkern, die erstmal gar nichts sagen, weil sie gerade denken. Nachdenken hat den Vorteil, gesicherte Erfahrungen auswerten zu können. Vordenken hat dagegen immer was von Hokuspokus, finde ich. Wir haben jetzt ein paar Wochen über Corona nachgedacht, und so sieht das Ergebnis aus: Es ist Zeit zum Aufstehen. 

Das Kernargument all derer, die gerade unsere Freiheit einschränken, die uns verbieten, uns zu treffen, unsere Wirtschaft runterfahren, Länder, Städte und Menschen unter Quarantäne stellen, Pleiten und Arbeitslose produzieren und alle die zu Egoisten stempeln, die widersprechen – das Kernargument all dieser ist ein Anliegen: Sie wollen die Geschwindigkeit, mit der sich der Virus ausbreitet, verlangsamen. Sie wollen Ärzten, Hospitälern und Helfern eine Chance geben, den Überblick zu bewahren. Es geht längst nicht mehr ums Verhindern der Krankheit oder sogar ums Heilen. Es geht nur noch darum, Zeit zu gewinnen. Das Schmerzliche selbst daran ist, dass das, was Menschen stark macht, nämlich die Gemeinschaft, uns in diesem Fall besonders anfällig für den Virus werden lässt.

Wer die Bilder und Berichte der Betroffenen sieht und hört, wer spürt, wie das Virus immer näher ans eigene Haus und die eigene Familie kriecht, weiß diese Anstrengungen zu schätzen. Aber wir glauben nicht, dass das nachhaltig gedacht ist. Wer wirklich nachhaltig denkt, hat nicht die Gesundheit der Menschen oder die Bewahrung der Natur oder den Frieden auf der Welt oder ein verträgliches Miteinander im Kopf. Wer nachhaltig denkt, sagt nicht „oder“, sondern „und“. Wer so denkt, stellt nicht ein Ziel über das andere, sondern versucht in unterschiedlichen Szenarien eine Balance zwischen den Zielen herzustellen. Stakeholder Value anstatt Shareholder Value sozusagen. Oder auch: Demokratie statt Populismus. Demokratie hört zu. Populismus redet ohne Punkt und Komma. 

Und bei der Corona-Bekämpfung brauchen wir keine Populisten, weder die, die „Land unter“ rufen, noch die Verharmloser. Unter dem Motto uns vor Unheil zu bewahren, Grundrechte einzuschränken und den kulturellen Vertrauens-, sowie wirtschaftlichen Totalschaden hinzunehmen, ist genauso daneben, wie Laizzes Faire an den Tag zu legen, damit andere zu gefährden und das Gesundheitssystem in den Kollaps zu treiben. 

Das geht beides nicht, meinen wir. Ein bisschen besser wäre es, wenn medizinische Helfer sich mit allen Mitteln auf die konzentrieren können, die wirklich Hilfe brauchen: die Alten, die vorher schon Kranken, die Schwachen. Die anderen kriegen Taschentücher, Medikamente und halten Bettruhe. Und machen, wenn sie wiederaufstehen, das, was dem Selbstverständnis von Bürgerinnen und Bürgern entspricht: Sie sind der Herzschrittmacher eines Landes, das nur deswegen besteht, weil sie sich in Freiheit zu ihm bekennen und es gemeinsam voranbringen.

03.2020.

Wir müssen öfter Nachtisch machen.

Nachtisch. Das war zu Hause unser Wort für Dessert. Für Mousse au Chocolat, für Creme brûlée – oder Kompott, was es meistens war. Kompott sind Birnen aus der Dose. Oder Pfirsiche. Sonntags mit Sahne. 

„Wir müssen öfter Nachtisch machen“, hat Luise gesagt, Judiths Tochter. Und es war, als hätte sie bei mir die Resett-Taste gedrückt. Denn der Nachtisch war tatsächlich irgendwann aus unserem Leben verschwunden. Zugunsten eines knackigen Salats vorweg oder vielleicht eines deftigen Käses hinterher. Zugunsten von Grappa und Espresso und Zigarette danach. Wir sind nicht süß. Wir sind hart. Männer essen keinen Honig. Männer kauen Bienen. „Aber bitte mit Sahne“, sang der Mann im Bademantel. „Griechischer Wein“, war uns lieber.  

Und dann Luise: „Öfter Nachtisch.“ Luise ist acht, und sie war heute so ausdauernd am Tisch geblieben, wie sonst nie, weil eben die Aussicht auf Nachtisch bestand. Wenn man acht ist, bedeutet Nachtisch Belohnung fürs Essen. Wenn man 80 ist, ist es vielleicht die Pointe eines Lebens, das dann bis 90 dauert. Und dazwischen? Gerät er in Vergessenheit. Wir haben unseren Nachtisch verloren. Wir stehen zu früh auf. Wir springen von einem Thema ins nächste. Ja, uns fällt der Stuhl um beim Aufspringen. Und alles, weil es keinen Nachtisch mehr gibt. 

Judith und ich haben eben eine Creme brûlée bestellt. „Dolce Vita“ würde der Italiener sagen, Betonung liegt auf „dolce“. Süß. Nachtisch. Auferstehung. Abendrot. Abendbrot. 

Nachtisch wirkt nachhaltig auf das, was vorher kommt. Luise hat recht. Und Käse ist auch ein Nachtisch.

02.2020.

Hymne ans Irdische

Wir sind umgezogen und alles ist neu. Wir sind umgezogen und alles ist weg. Wir sind umgezogen und es hat sich zwischendurch angefühlt wie ans Meer fahren, aber leider ist Ebbe. Wie entwurzelt. Wie Treibsand. 

Was ist passiert? Judith sagt, da ist eine coole Wohnung hinterm Bahnhof. Keine feine Adresse, aber ziemlich angesagt. Ich sage, du kaufst – ich zieh mit ein. Natürlich nicht nur wegen des finanziellen Teils. Wir machen aus zwei Wohnungen eine. Wir haben jetzt zwei Esstische, zwei Spagettizangen, zwei Geschirrservice, etwa 42 Küchenhandtücher, weil wir beide mehrheitlich ordentliche Menschen sind. Und wir haben so viele warme Jacken, wie auf keinen Kleiderhaken gehen, zumal warme Jacken bei Temperaturen die selten unter fünf Grad fallen, etwa so praktisch sind wie Sonnencreme im Dunkeln. Also weg damit. Wir hängen sowieso nicht an all dem Materiellen, denken wir, und das letzte Hemd hat keine Taschen. Und Judith, Dein Tisch ist jetzt so schön auch nicht. Und so geht das hin und her und wir raufen und vertragen uns. Und wir wundern uns, wie es sein kann, dass zwei grundfriedliche, mit tiefem Verständnis zueinander ausgestattete Menschen beispielsweise anhand von Spagettizangen Diskussionen führen, die wir sonst nie geführt haben. 

Die Antwort heißt: Die Dinge behaupten ihren Platz in unserem Leben. Wir beide verachten sie nicht, sondern schätzen sie. Wir haben sie einst erworben, spontan oder wohlüberlegt, oft nicht weil sie praktisch, sondern weil sie schön waren. Und ihr Glanz hat tatsächlich auf uns abgefärbt. Sie haben sich nachhaltig in unser Leben gegraben, und wir möchten sie nicht vermissen. Wir spüren, es sind zuletzt auch die Dinge, auf denen unser Leben ruht. Die Keksdose meine Großmutter genauso wie Judiths sechzig Jahre alten Fieberglasstühle. Uns freut die Materie. Uns freut alles Irdische. Wir haben deswegen jetzt die beiden Geschirrservice verschenkt und ein drittes gekauft. Hutschenreuther mit Goldrand. Ziemlich kitschig, aber wenn es so auf dem Tisch steht, hoffen wir, dass es uns unser Leben begleiten wird und freuen uns darüber.

01.2020.

Gretas Reinkarnation

Wir beide gehen durch den Nebel. Wir keuchen den Berg hinauf. „Irgendwie, Oli, ist das endlos hier“, sagt Judith. Endlich stoßen wir durch die Wolken, erleben die Sonne, den Himmel. Wir rasten, schauen, schlürfen klare Luft. Der Kopf entleert den Alltag und füllt sich – ja mit was eigentlich? Egal. Judith, die Fotografin von uns beiden, drückt auf den Auslöser, und das Bild landet auf der Speicherkarte.

Ich glaube, so einer wie Caspar David Friedrich hätte es als Vorlage geliebt. Ich lese nach: Er war vergessen, als 1906 die Jahrhundertausstellung Deutscher Kunst in der Berliner Nationalgalerie eröffnete. 50 Werke des Romantikers seien dort gezeigt worden. Und ein Dreivierteljahrhundert nach ihrem Entstehen trafen sie auf einmal das Lebensgefühl der jungen Berliner. Die Schau wurde ein Publikumsmagnet. Menschen strömten herbei, die sich einer ­Industrie, die sie als übermächtig empfanden, und Bossen, denen sie bloßes Gewinnstreben unterstellten, entziehen und der Natur zuwenden wollten. 

Als wir später das Bild von unserem Ausflug im Tessin betrachten, meint Judith:  „Hat was von diesem Landschaftsmaler.“ Wir kommen beide erst eine Woche später bei Nudeln in der Küche auf seinen Namen: Caspar David Friedrich eben. Ich frage mich, ob die Verunsicherten unserer Zeit, denen vor Digitalisierung der Kopf schwirrt, auch zu Friedrich-Jüngern werden könnten. Oder ist vielleicht der Wunsch nach Nachhaltigkeit und Versöhnung mit der Natur ihre Art der Hektik zu entkommen? Greta Thunberg als Reinkarnation des Romantikers?

Wir glauben, so ist es nicht. Wir glauben, das nachhaltige Umgehen mit diesem Planeten ist keine Flucht in eine bessere Welt und kein Geniestreich von Romantikern. Wir wollen Verantwortung tragen. Für uns. Für die, die nach uns kommen. Für die, die nicht in der Lage sind, Verantwortung zu übernehmen. Dabei sind wir sowieso nicht die, die ihr Auto säubern, aber das Meer verschmutzen. Aber wir wollen auch nicht bei jedem Steak an den Klimawandel denken und wir drehen gern bei Tempo 200 die Hosen noch drei Striche lauter und fahren im Regen. Und eben hat Judith eine Pappschachtel wohin gefeuert, wo  garantiert nicht Altpapier draufstand. Wir sind eben Menschen, und diese Spezies trägt die Widersprüche in sich.

Aber wir mögen das, und wollen es mit Euch teilen. Wir sind keine Dogmatiker, die das Ziel kennen. Sondern wir sind Wanderer, die sich auch mal verlaufen. Die aber wissen, wenn sie stehen bleiben, geht es nirgendwohin. Wenn wir Glück haben, geht es durch den Nebel, durch die Wolken zum Himmel, der blau ist und zur Sonne, die scheint. Wir kommen dabei auf die besten Ideen. Darüber wollen wir in diesem Blog berichten. Nachhaltig mit Text und Bild. 

über uns

Judith Wagner ist Fotografin. Menschen sind ihre Profession: Vorstände, Schauspieler oder solche, wie Du und ich. 
Oliver Stock ist Journalist, PR-Spezialist und versteht, wie Wirtschaft funktioniert.
Beide wollen die Welt verbessern. Aber nur ein bisschen.

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Judith Wagner & Oliver Stock, Engelbertstraße 10, 40233 Düsseldorf

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