Die Hand im Strafraum

Weil der Schiri die Hand im Strafraum übersah, weil der Sommer nicht in die Puschen kommt, weil sich Joe Biden für den Papst hält, weil Erreichbarkeit keinen Ausknopf kennt, ist das Leben manchmal wie der Gang auf die Toilette, wo Du zu spät merkst, dass kein Papier mehr da ist: Verzweifelt improvisierst Du vor Dich hin, wünschst, Du wärst Dein Hund, und bist froh, wenn Du sauber durch den Ausgang kommst.

In solchen Phasen machen Judith und ich das Frauen- und Männerspiel. Wir erzählen uns vom anderen Geschlecht. Ich zum Beispiel habe mal in jungen Jahren ein Mädchen aus Tschechien heiß geliebt, und ich berichte Judith davon, wie sie in Prag plötzlich neben mir auf den Händen ging, wie sie mich in ihrem Heimatörtchen zur Kosmetikerin schleifte, die mir die Pickel auf der Stirn ausdrückte, weil man das dort so macht. Ich berichte, wie die Tschechinnen pro Stück meistens nur einen Mann innig lieben und allenfalls einen zweiten innig anlächeln. Wie sie mir ihr Elternhaus zeigte, in der sie im Keller den hochprozentigsten Slivovits brannten, den ich jemals trank. In ihrem Kühlschrank lagerte stets Budějovický, wie das tschechische Nationalbier heißt, extra kalt und extra groß. Sie hat mir alles verziehen, das letzte nicht. Lassen wir es im Dunkeln.

„So sind Frauen“, sagt Judith und erzählt nach meinem Dafürhalten etwas verhaltener als ich von all den Flitzpiepen, die sie vor mir kennenlernte. Es muss ein Italiener darunter gewesen sein, der unter anderem auch gut kochte. Sie hatte einen sehr netten Mann, den sie sogar nicht verließ, als sie mit Freundinnen eine Weltreise machte, die sie wirklich einmal um den Globus und mehrere Monate fort von zu Hause führte. Meine offene Frage, ob sie möglicherweise rund um den Globus Liebschaften hinterließ, hat sie nicht beantwortet. „So sind Frauen“, denke ich bei mir: Sie haben ein vernünftiges Herz und wenn es mit ihnen durchgeht, pfeifen sie es zurück, schreibt Kurt Tucholsky, den ich sehr verehre, weil er ein Journalist gewesen ist wie ich. Und meistens gehorcht es ihnen, das Herz den Frauen.

Männerherzen sind möglicherweise rebellischer. Jedenfalls in jungen Jahren. Sie schlagen für alles und jeden, für Füllkrug und Wirtz, für laue und für heiße Nächte, für die Alten wie für die Jungen. Später legt sich das dann etwas. Und das ist ja auch ein bisschen besser so. Judith ist jedenfalls im Großen und Ganzen zufrieden.