Zwischen Rösslein und Reality: Wo unsere Welt verschwindet und wo sie bleibt, wie sie ist
Wenn morgens das Töchterchen und ich die zehn Minuten zum Kindergarten marschieren, während die Hündin mit halberhobenem Schwanz und dem Enthusiasmus einer Verwaltungsfachangestellten im Bürgerbüro bis zum ersten Grünstreifen trottet, haben wir, wenn uns danach ist, ein fröhliches Lied auf den Lippen. Weil Frühlingsanfang im Kalender steht, singen wir derzeit „Im Märzen der Bauer die Rösslein anspannt“.
Ich habe dann Pferdefuhrwerke im Morgenlicht vor Augen, die in meinem Leben seltener noch als Faxgeräte vorkamen, aber immerhin noch die Filme der Eltern bevölkerten. Das Töchterchen allerdings kann mit „Im Märzen“, mit „die Rösslein“ und mit „anspannt“, nichts anfangen. „Der Bauer“, den kennt sie, seitdem Oma ihr das Buch „Auffuhr im Gemüsebeet“ zum Geburtstag geschenkt hat, den Rest muss ich erklären „Ich glaube“, sage ich später zu Judith, meiner Frau, „noch niemals in der Geschichte der Menschheit, hat sich das, was heute ist, so sehr von dem, was gestern war, unterschieden.“ Es sei, füge ich hinzu, ganz normal, wenn wir angesichts dieser Geschwindigkeit manchmal etwas außer Atem kämen.
Judith heuert gerade als Showrunnerin bei einem Unternehmen an, das mittels hochauflösender 3-D-Kameras in Echtzeit Megaereignisse wie das Snowboard-Halfpipe-Rennen von Silvaplana auf Virtuell-Reality-Brillen global und aufs Sofa überträgt. Vor ein paar Jahren noch, hätte ich das Wort „Kamera“ verstanden und sonst nur „Sofa“.
Als ich meinen Beruf anfing, war eine Pflichtstation für angehende Journalisten der nächtliche Besuch in der Druckerei, wo Setzer damit beschäftigt waren, in der 500-Jahre alten Tradition Johannes Gutenbergs Bleibuchstaben zu Wörtern und Zeilen zusammenzufügen, die sie bei Bedarf mit einem kleinen Keil verlängerten, damit die Zeilen optisch alle die gleiche Länge besaßen. Die Setzer schafften das in einer Geschwindigkeit, das einem schwindlig beim Zuschauen wurde. In der Zeit dazwischen liegen dreieinhalb Jahrzehnte – und ich höre meinen Atem keuchen und schwindelig ist mir auch schon wieder.
Es ist ein bisschen besser, sage ich zu Judith, heute das zu können, was auch morgen noch geht. Morgen, wenn Halfpipe und Virtual-Reality vielleicht schon wieder von gestern sind. Was das denn sei, fragt meine Frau. Ich schaue das Töchterchen aufmunternd an und sie trällert mit der Ernsthaftigkeit ihrer vier Jahre: „Er pflüget den Boden, er egget und sät, und rührt seine Hände frühmorgens und spät.“ Die Hündin auf dem Sofa wedelt dazu aufmunternd mit dem Schwanz.