Wie wir unsterblich wurden
Judith ist vor mir eingeschlafen. Der Tag war hart, sie hat ausdauernd mit dem Töchterchen Lego gebaut. Ich hatte im Bett den Laptop auf den Oberschenkeln. Meine Wahl fiel auf „Troja“ mit Brad Pitt als Achill. Seine Mami Tetis fragt ihn, ob er bei ihr bleiben wolle, Kinder zeugen, Vater, Großvater, Urgroßvater werden möge – und irgendwann vergessen werden würde? Oder ob es nicht ein bisschen besser wäre, ruhmreich in den Krieg gegen Troja zu ziehen, Heldentaten vollbringend, der Nachwelt in Erinnerung bleibend noch in tausenden von Jahren? Wir wüssten nichts von Achill, wenn er sich für die Urgroßvater-Variante entschieden hätte. Auch ich beschloss noch in dieser Nacht, meinem Leben eine Perspektive zu geben, die mich überdauern sollte.
Neben mir atmete Judith wie eine friedliche Sterbliche. Ich lag wach. Troja brannte. Brad Pitt glänzte schweißnaß. Die Griechen stürmten und als es um 8 Uhr 20 pochend am Türflügel unseres baufälligen Palazzos in der Lombardei wummerte, begrüßte ich den kurdischen Handwerker, den ich zur Errichtung einer Mauer bestellt hatte, als „Meister aus der Levante“. Er trug einen Eimer, eine Kelle und jenen Gesichtsausdruck, mit dem Männer auf Männer blicken, die im Bademantel Türflügel öffnen, nachdem sie beschlossen haben, Geschichte zu schreiben. „Mauer“, sagte er. Und mir war, als spräche das Orakel.
Während der Meister den Putz an die Wand warf wie Zeus seine Blitze, begann auch ich mein Tagwerk. Rasenmähen. Achill hatte seinen Hektor, ich hatte zwölf Zentimeter widerspenstiges Grün. Bahn um Bahn zog ich über das Schlachtfeld, und näherte mich der olympischen Königsdisziplin: Kantenschneiden. Kein Sänger der Antike hat je besungen, wie ein Mann auf Knien mit einer Grasschere entlang der Terrasse robbt. Ein Versäumnis Homers.
Danach hieß ich Judith, die Brote zu schmieren. Nicht irgendwelche Brote. Es waren Wegzehrungen für die nächste Prüfung: Schwimmen im See mit dem Töchterchen. Meine Gemahlin strich die Majo, schichtete den Mozzarella, schnitt die Tomaten. Odysseus hatte für seine Irrfahrt Schiffe gerüstet. Sie packte entschlossen unsere Tupperdose. Dann die Fluten. Das Töchterchen sprang hinein, als wäre Poseidon persönlich ihr Pate. Ich folgte mit der Würde eines alternden Argonauten, der weiß, dass kaltes Wasser gesund sein soll, aber auch versteht, warum die Griechen so viel Wein getrunken haben.
Am Abend versammelten wir uns zum Mahl. Brot wurde gebrochen, Gläser erhoben, Geschichten geraunt. Der Meister aus der Levante hatte die Mauer vollendet. Der Rasen lag bezwungen. Die Kanten geschärft. Das Kind beglückt. Ich sah über den Tisch und dachte, dass man sich noch lange davon erzählen werde. Später im Bett drehte sich Judith zu mir. „Na, Achill“, sagte sie und kraulte mir die Ferse. Ich lächelte. Endlich hatte jemand meine Größe erkannt. Vor meinem inneren Auge erhoben sich marmorne Standbilder. Dichter würden meinen Namen singen. In zweitausend Jahren würden Schülerinnen sehnsüchtig über meine Taten sprechen: die Mauer, der Rasen, die Brote, der See. Ich schlief ein. Am nächsten Morgen trat ich barfuß auf den Legostein.