Unser Leben in Höchstform

Judith und ich nehmen uns die Kanzlerworte zu Herzen und wollen jetzt zur Höchstform auflaufen. Das ganze Land, so hat es unser Kanzler gesagt, soll das tun. Dann hat er sich wieder hingesetzt bei seinem Parteitag in Stuttgart und gewartet, dass sie ihn wählen. Er saß da, und es hat zwei Stunden oder drei gedauert, weil die hauseigene Technik nicht zur Höchstform aufgelaufen war. Die Digitalität hat komplett versagt, und am Ende gab der Wahlleiter gelbe Zettel aus. Jeder Delegierte musste eine Pappmaschee-Wahlkabine auf dem Tischchen vor sich ausklappen und sein Kreuz machen. Sowas wollen meine Frau und ich natürlich ein bisschen besser machen. 

Deswegen sind wir heute morgen in Höchstform noch etwas liegen geblieben. Wir haben dem Töchterchen, dass uns in Höchstform weckte, die Glotze angestellt und uns umgedreht. Die Hündin, die auch schon in Höchstform war, habe ich nur kurz in den Hof gelassen und muss nun in Kauf nehmen, dass der eine oder andere Nachbar darüber in Höchstform gerät. Später habe ich mich in Höchstform Ruhe rasiert, die Sonne schien, wir haben uns drei Spiegeleier gebraten, das Silber und das Auto geputzt, wir waren Waffeln mit Puderzucker essen, Judith liegt jetzt lesend auf dem Bett und gleich gibt es französiche Fischsuppe mit Knoblauch-Croutons. Wir fühlen uns gut dabei, sind aber nicht sicher, ob der Kanzler das mit Höchstform gemeint hat.

„Bist Du in Höchstform?“, frage ich Judith und sie sagt: „Klar, bin ich immer.“ Wir lachen herzlich. Wer gibt schon zu, er sei nicht in Höchstform, wenn der Chef verkündet, dass Entscheidendes vor einem liegt? „Trainer, ich bin heute nicht gut drauf“ kommt gar nicht an. Beim Fußball kannst Du dann gleich bis zur 87. auf der Reservebank sitzen.

Nein, die Wahrheit, die keiner zugibt, heißt: Das Leben in Höchstform ist so anstrengend, dass niemand dabei wirklich bis zur letzten Runde käme. Du fliegst aus der Kurve, bevor Du am Ziel bist. Du hast einen Motorschaden und die anderen ziehen an dir vorbei. Höchstform ist kein Zustand, sondern eine Erwartung. Und Erwartungen haben die unangenehme Eigenschaft, dass sie immer von anderen kommen. „Wie findest Du mich?“, frage ich Judith erwartungsvoll, als wir abends schon wieder im Bett liegen. Sie streicht über meine frischrasierte Wange. „Formvollendet“, sagt sie.