So habe ich ausgerechnet, wieviel Leben mir noch bleibt
1200. Eintausendzweihundert ist die Zahl, die ich berechnet habe, wenn ich darüber nachdenke, dass ich seit meinem vierten Lebensjahr Pilze sammele. Dass ich das voraussichtlich so lange machen werde, bis mir beim Sammeln die Brille von der Nase fällt, ich jährlich im Schnitt einmal losgegangen bin und dabei gut fünfzehn gutgebaute Exemplare gefunden habe. Etwa ein Drittel dieser Zahl werde ich noch finden, zwei Drittel sind schon im Körbchen, was solide ist, aber auch zeigt, dass die Ewigkeit ein Ablaufdatum hat.
Es gibt auch andere Zählmethoden. Achtzehn gute Sommer noch. Solche, in denen ich ins Wasser renne und plansche. Solche, in denen ich Judith herze, mir um die Kühlung der Weißweinflasche im Rucksack den Kopf zerbreche und irgendwann erschöpft das Gipfelkreuz umarme.
Oder 200 Tage mit meinen Kindern noch. Nicht dem kleinen Töchterchen, das spät zwischen uns gepurzelt ist, sondern den Großen, die ihren eigenen Weg fast gehen. Die wir einmal als kleines Bündel hilflos in der Armen gehalten und ihnen ewige Treue geschworen haben, die wir mit Stolz und Wehmut losgelassen haben, und von denen wir hoffen, dass sie immer mal wieder auf ein Wort und ein Bier und ein Hirschgulasch mit Spätzle vorbeikommen.
„Könntest Du mal das `noch´weglassen?“, schaltet sich Judith dazwischen. Im Theater säße ich ja auch nicht im zweiten Akt und rechnete aus, wie viele Sätze Hamlet noch habe, bevor alle tot auf der Bühne herum liegen. Das Ende sei das Ende und das Leben das Leben. Und es sei kein bisschen besser, das Leben immer erst dann besonders wertvoll zu finden, wenn ich vorher ausgerechnet habe, wie wenig davon noch übrig sei. Dann nimmt sie einen Korb und fragt, ob wir jetzt endlich Pilze suchen gehen.
Natürlich gehen wir. 400 müsste ich im Großen und Ganzen bis zum Lebensende noch finden. Wenn alles gutgelaufen wäre, hätten es nach diesem Tag dann noch 385 sein müssen. Tatsächlich haben wir nicht einen gefunden. „Nullkommanull“, sagt das Töchterchen, das gerade mit dem Zählen beginnt. Ich freue mich still vor mich hin: Wieder ein Jahr gewonnen.