Lebst du noch oder wirst Du schon gecoacht?

Lebt Ihr noch vor Euch hin oder werdet Ihr schon gecoacht? Judith und mir ist aufgefallen, wie viele Lebensratgeber sich um uns herumtummeln. Sie schreiben uns, obwohl wir sie gar nicht gefragt haben: „Wann wart ihr das letzte Mal so richtig glücklich?“ Und dann kommt in der einen oder anderen Abwandlung dieser Satz. Ich zitiere aus dem Klappentext eines Buches, das eine Coachin gerade in die Welt gesetzt hat, die auch Speakerin ist und natürlich Autorin und Influencerin zudem. Er lautet: „In einer Welt voller Erwartungen, Lärm und ständiger Ablenkung verlieren viele Menschen den Kontakt zu ihrem inneren Kompass.“ „Judith“, frage ich, „hast Du noch Kontakt zu Deinem inneren Kompass?“

Als ich ein Junge war, habe ich Kompasse geliebt. Sie waren der große Bruder der Armbanduhr und versprühten eine Aura von Kolumbus und Nordpol. Ich habe mal einen mit Messingdeckel zum Aufklappen und gebläuter Nadel gehabt. Gebraucht habe ich ihn nie. Aber verschenkt habe ich sicher mehr als ein Dutzend, als ich ein Mann geworden war und den Jungs, die Geburtstag hatten, eine Freude machen wollte. Ich habe spät gemerkt, wie die Faszination der Nadel, die tapfer nach Norden zeigt, im Zeitalter von GPS abnimmt. Seit einmal ein Kompass auf dem Geburtstagstisch halb ausgepackt liegen geblieben war, verschenke ich keine mehr.

Und jetzt also der innere Kompass. Oder die innere Stimme, die sagt, wo es lang geht. Das klingt wunderbar, sanft, weise, nach Yoga-Retreat, Lavendeltee und einem Menschen, der grundsätzlich weiß, wo sein Autoschlüssel liegt. Leider hat meine innere Stimme einen zweifelhaften Lebenslauf. Sie hat mir schon eingeredet, dass „nur mal kurz in die Bar“ eine produktive Pause sei. Sie fand auch schon, dass ein drittes Glas Wein eine Form von Selbstfürsorge sei. Und sie ist fest davon überzeugt, dass ich Bedienungsanleitungen ungelesen wegschmeißen kann. Meine innere Stimme ist wie ein Influencer: Immer eine Meinung, aber selten ein Argument.

Ein bisschen besser ist es, Judith zu fragen. Sie ist meine äußere Stimme, die ziemlich genau weiß, wie es um mich steht.  „Essen ist fertig“, ruft sie. Ich eile hinunter. Heute ist Spaghetti-Tag und dafür habe ich bisher noch jeden Coach ruhig Coach sein lassen.