Ein Sommernachtstraum
Ich ziehe mir die hohen Schuhe aus weichem Leder über die wollenen Stümpfe und knote die Schnürsenkel bis oben stramm zu. Die 30 Sekunden, die das dauert, sind so wie für andere Leute Yogamatte. Ein wunderschöner Tag entsteht vor meinem inneren Auge. Das Töchterchen schält sich in ihren wasser- und winddichten Anzug. Judith stülpt sich die Mütze, die ich an ihr so mag, bis über die Ohren. Die Hündin überlegt kurz, ob sie wirklich mitsoll, entscheidet sich dafür und zwängt sich als erste durch die Tür.
Draußen strahlt die klirrende Sonne auf den kristallenen Schnee, der unter unseren Sohlen knirscht. Es ist ein Geräusch, das ich unter tausenden mit geschlossenen Augen heraushöre. Ich straffe den Schal, weil mir den Wind sonst eiskalt an der Kehle vorbeischneidet. Kein Geruch liegt in der Luft, sie ist nur klar und rein, und ich spüre, wie jeder Atemzug kalt in die Lunge strömt. In der doppelwandigen Thermoskanne glüht der tiefrote Wein, den Judith mit den Orangen, dem Zimt und dem Kardamom eben in dem schweren Kupfertopf angerührt hat. Wir werden ihn im Schutz eine Hütte aus rohen Holzbohlen nachher im Wald trinken und unser Atem wird würzig dampfen. Wenn wir dann zurückkommen, werden wir uns hungrig über den braunen Kohl hermachen, aus dem der Schmalz trieft, wir werden starken Alkohol dazu trinken, der heiß die Kehle hinunterläuft.
Dazu werden wir russische Lieder hören, die sich nur singen lassen, wenn der Kanonenofen bullert und der feuchten Wolle, die überall zum Trocknen aufgehängt ist, ein muffiger Geruch entströmt. Sie handeln von dem tödlich verwundeten Kosaken, der eine Schneeeule mit versagender Stimme anfleht, seiner Frau und seinem Kind die Botschaft von seinem Tod zu überbringen. Die eintönigen Gesänge beschwören die Einsamkeit der Seelen in den Tundren des Lebens und die Schwere des Gemüts, die sich in den endlosen Nächten wie die knochige Hand einer alten Hexe um die verlangsamten Zeiten krallt. Wir werden unsere Herzen schlagen hören, wenn wir uns in einem Aufbäumen der Muskeln vereinen, während die Winde heulen, die Hündin schnarcht und dem Töchterchen ein Seufzerchen entweicht.
„Ein bisschen besser wäre es, du wachst jetzt auf“, sagt Judith. „Es sind wieder 38 Grad da draußen, die Bude ist affenheiß, ich öle am ganzen Körper und will an den Baggersee.“ „Auch geil“, denke ich und es geht los.