Die Linken gewinnen dazu. Meine Frau auch.
Judith und ich haben in diesen Minuten einen instabilen Moment in unserer Beziehung. Das kommt vor, selbst am herbstsonnenbeschienenen Comer See, wo die Familie gerade spazieren geht. Wir wandern entlang der Ufer durch enge Gassen, in denen es immer irgendwie nach Moder riecht. Der Weg schlängelt sich, eine Mauer grenzt ihn links zum Abhang ab, darauf balancieren Töchterchen und Hündin. Beide mit jener Selbstverständlichkeit, mit der sie heil durchs Leben kommen, solange sie nicht über Politik reden. Meine Frau und ich tun das leider.
Es sind ja auch andauernd Wahlen. Und diesmal holen die Linken auf. „Na“, sage ich zu Judith, „für euch Linke läuft’s ja.“ Sie bleibt stehen. Ich spüre, das „euch“ war ein touch too much. Aber, wenn ich schon im Loch sitze, kann ich auch weitergraben. Frauen, erkläre ich, seien ohnehin zweifelhafte politische Anführerinnen. Zu verbohrt. Und linke Frauen erst recht. Rums.
Nun muss man über Judith wissen: Sie kann sehr schön schweigen. Das ist dann die elegante Vorstufe zur Naturkatastrophe. „Mit dir diskutiere ich überhaupt nicht“, sagt sie.
Vor uns spazieren Kind und Hund weiter sicher über die Mauer, hinter mir ist das Gespräch zusammengebrochen. Ich versuche es mit Sachlichkeit. „Nehmen wir Berlin“, sage ich. Da wollen die Linken Wohnungen verstaatlichen, kostet locker 30 Milliarden. Zahlen müssten wir das. „Dann ist basta alle fine für uns am Comer See“, sage ich und lege besonders viel Testosteron ins basta. Und ich hätte, füge ich hinzu, meine Zweifel, ob der Staat grundsätzlich der bessere Eigentümer sei. „Geh mal auf eine öffentliche Toilette!“
Jetzt spaziert Judith wieder. Gemächlich. Ich glaube sogar, sie lächelt. Schluss mit links, zwo, drei, vier. Rechts, zwo, drei, vier. Woke. Konservativ. Neoliberal. Sozialistisch. Zack, Schublade zu. Wer einmal drin liegt, liegt wie im Sarg und kriegt sie nicht mehr auf. Nein, wir marschieren nicht. Wir spazieren lieber – mit Kind und Hund und Sack und Pack. Wir sind die Mitte, von der alle reden und die manchmal so langweilig klingt. Aber die Mitte ist nicht lau, sondern neugierig. Sie ist ein bisschen besser als die da am Rand. Sie kann streiten, ohne zu hassen. Sie hält Zweifel aus, ohne – hoppla – ihre Identität zu verlieren. Judith nimmt meine Hand.
Ich erzähle ihr von Jürgen Klopp. Der charismatische Bundestrainer trug dieser Tage eine Kappe mit der Aufschrift „Einer von 83 Millionen“. „Wir sind drei von 83 Millionen“, sage ich und da sei die Hündin nicht mal mitgezählt. Und schon wir drei hätten oft drei Meinungen, oder? „Nein“, bestimmt das Töchterchen. „Bei manchen Fragen müssen wir uns nicht einigen“, seufze ich Judith zu. „Wir müssen nur wissen, mit wem wir weitergehen wollen“, sagt sie.