Hörst Du das? So klingt der Sommer

Es gibt sie noch, die guten alten unpraktischen Sachen. Zum Beispiel den Eiswürfelbehälter, in den du bei diesen Temperaturen einzeln das Wasser in 14 Boxen tropfen lässt, ihn dann ins Tiefkühlfach balancierst, wobei immer etwas über Bord geht. Judith lässt jetzt zwei gefrorene Würfel in meine Weinschorle purzeln und das Geräusch des Berstens ist eines, das ich unter hunderten heraushöre: „Krrrrk“. Es klingt nach Erfrischung. Ein bisschen Luxus steckt darin. Nahende Muße. Vielleicht ein kleiner Dialog mit irgendwem. Ein Augenaufschlag. Ein Versprechen, das Du nicht halten musst.

Das „Krrrrk“ ist das Gegenteil vom „Humhumhumhum“ des Heimtrainers auf dem Dachboden, auf dem du dich abrackerst, ohne vorwärts zu kommen. Vom „huiihoiihuiihoii“ des Handys, wenn es dich morgens digital aus dem Bett schmeißt. Vom „Taatüütataa“ des verbeirauschenden Polizeiautos auf dem Weg ins Büro, vom „Pieppiep“ der Supermarktkasse, an der eine mürrische Verkäuferin im gebrandeten Kittel des Discounters deine mittäglichen Wraps am Scanner vorbeizieht. Es ist das Gegenteil vom „Tschinnng“, mit dem Dich dein Computer eben begrüßt hat. 

Es ist allenfalls vergleichbar mit jenem „Raatschraatsch“, mit dem du deine Uhr aufziehst, die sonst zuverlässig nach 24 Stunden eine Verschnaufpause einlegt. Oder mit jenem „Puppp“, mit dem die Nadel des Plattenspielers das Vinyl berührt, worauf das vertraute Knacken und dann ein erster Takt folgt, der Zuhören einfordert. Oder Hüftkreisen. Oder einen Tanz zu zweit. Einen Augenaufschlag. Ein Versprechen, das Du nicht halten musst.

Meine Frau und ich sind Liebhaber der unnützen Geräusche. Jener, die nicht die Botschaft von der Selbstoptimierung in sich tragen, nicht die vom Ausnutzen jeder freien Minute, um körperliche und geistige Höchstleistungen zu vollbringen. Wir glauben, dass es ein bisschen besser ist, das den humanoiden Robotern und der künstlichen Intelligenz zu überlassen, während wir gepflegt aufs „Pffftpffftpffft“ hören, das von der kleinen Handpumpe stammt, mit der wir uns die Sonnenmilch gegenseitig auf den Rücken sprühen. 

Judith und ich sind, wenn sich heute die Sonne neigt, auf ein Rendezvous im Konzertsaal der lieblichen Töne verabredet, die stets mehr versprechen, als sie halten. Aber das bisschen genügt, um die Leichtigkeit des Seins durch die Ohren in sich zu schlürfen und die Seele mittels Schallwellen in Schwebezustände zu versetzen. „KrrrrK-Raatschraatsch“, sagt Judith zu mir. „Pffftpffft-Puppp“, spinne ich den Dialog glücklich weiter, und es gelingt mir in meinem Alter sogar ein leichtes Knacken.