Andere machen Yoga. Wir fahren Auto
Achtung, dies ist ein Roadmovie. Es besteht die Gefahr, dass es süchtig macht. Das schon wenige Sätze genügen, und du kommst niemals wieder los davon. Es endet immer tödlich, aber das macht nichts, weil es nie endet. Denn die Reise ist das Ziel. Deswegen bist Du angekommen, wenn Du losgefahren bist. Du bist ganz bei dir.
Ich habe nur den Handkoffer dabei, ein bisschen besser ist kleines Gepäck. Ich habe die Stulle mit Camembert geschmiert, der Duft breitet sich nach ein paar Atemzügen im klimanlagenlosen Riesenkombi aus. Andere rümpfen die Nase, für mich ist er zusammen mit dem Muff der vier Jahrzehnte alten Fahrersessel, dem leichte Hauch von Benzin und dem schweren von Öl die Würzmischung meines Lebens. Ich winke nach hinten, das Töchterchen macht noch ein Handzeichen zum Abschiedsgruß am Fenster, sie und Judith und die Hündin bleiben heute am italienischen See in unserem alten Haus, das sie behütet.
Der Motor springt an, als habe er darauf gewartet und versetzt den schweren Wagen in williges Vibrieren, an der nächsten Tankstelle kontrolliere ich seine Körpersäfte und gönne ihm eine Füllung vom teuersten, was heute zu haben ist. Denn wir fahren den härtesten Pass, den ich kenne, hinauf dahin, wo auch im Sommer der Schnee noch liegt. Die Kolben schnaufen, die Temperaturanzeige steigt, das Getriebe stöhnt und ich muss an einer scharfen Kehre runter in den ersten Gang schalten. Ich drehe das Radio auf stumm, um auf die Musik der Maschine zu achten. Die liebliche Landschaft ist einer rauen Kulisse gewichen, die Bäume verkrümmen zu überdimensionalen Büschen. Ich erreiche einen Bergsee, dessen Anblick allein mich frösteln lässt, die Hochebene erstreckt sich bis zum Horizont, die Straße schlängelt sich entlang am Fluss und verfolgt seine Windungen.
Das Leben ist eine Reise, die Du nicht auf der Yoga-Matte erlebst. Der Fahrtwind strömt Dir um die Ohren. Du glaubst, dass du am Steuer sitzt und vorankommst, in Wahrheit ist es die Zeit, die an dir vorbeirauscht, und du weißt genau, dass sie nicht schneller läuft, wenn du das Tempo erhöhst. Trotzdem drückst das Pedal, und testest die Grenzen. Mit dieser Kurve hast Du gerechnet, mit der anderen nicht. Sie kommt ohne warnende Beschilderung. Der Fernlichtschalter rastet hörbar ein, aber die alten Scheinwerfer sind zu blind, um die Regenwand hier oben zu durchschneiden. Ein Tunnel umhüllt mich mit Dunkel und flackerndem Kunstlicht, auf der anderen Seite bricht Sonne durch Wolken.
Ich träume vom Ankommen, von Menschen, die mich umarmen. Ich lausche dem abkühlenden Motor, dessen metallische Gedärme sich knirschend zusammenziehen. Ich sehne mich nach Judith, dem Töchterchen und der Hündin, die dort sein werden, wo ich wieder austeigen möchte. Aber ich weiß, dass unsere Fahrt kein Ende haben wird. Ich schmiege mich in die zersessenen Polster und schließe die Augen und spüre, dass ich da bin.
Dies war ein Roadmovie. Zu Risiken und Nebenwirkungen müsst ihr meine Frau befragen.