Warum Lebenslügen das Leben retten

Ich habe gerade eine Lebenslüge beendet. Sie bestand in meinem blauen Porsche. Ich liebe meinen blauen Porsche, lautet sie, und deswegen macht es mir nichts aus, dass er vor allem ein Pflegefall ist. Dass Judith sich hinten diagonal hinverteilen muss, wenn das Töchterchen neben mir und ich am Steuer sitze. Dass er nur das Leckerste, was die Tankstelle hergibt, zu trinken bekommt. 

Die Wahrheit in meinen Leben lautet: Ich verkaufe ihn jetzt, weil ich immer Kombi fahren werde. Damit meine Frau, das Töchterchen und die vielen anderen Kinder, die Hündin, der aufblasbare Pfau fürs Wasser, der Plattenspieler, der gerade zur Reparatur muss, die Weinkisten und Schuhvorräte hineinpassen. Das letzte Auto am Rand meines Lebens wird sowieso ein Kombi sein – also bleibe ich von jetzt an dabei.

Und wo wir schon beim Thema sind, so sage ich zu Judith, können wir noch mit ein paar anderen Lebenslügen aufräumen. Zum Beispiel, dass Arbeit und Familie unter einen Hut gehen. Es ist die Lebenslüge unserer Generation. Sie führt dazu, dass alle ständig im Stress sind, Ehen zerbrechen, 50jährige Männer sich Porsches kaufen und 50jährige Frauen Yoga-Kurse nachts um drei Uhr besuchen. 

Dabei wissen wir genau, dass es nicht geht. Wir Männer wissen das, wenn wir montags morgens die Haustür hinter uns schließen und lieber nicht im Detail fragen, wie es ohne uns bis donnerstags laufen soll. Wir denken dann nicht, wie mir neulich eine Frau schrieb, an die Millionen Mikroaufgaben, etwa an das Geschenk für den Kindergeburtstag. Tatsächlich habe ich, glaube ich, noch nie ein Geschenk für einen Kindergeburtstag organisiert. Und wenn ich dann mal mit dem Töchterchen zu Hause bleibe, weil Judith einen Job hat, lobe ich mich 24 Stunden lang dafür. Gut, die Bude sieht hinterher immer etwas mitgenommen aus, aber ich versichere allen, es laufe einsA.

Übrigens ist es auch eine Lebenslüge, dass die Demokratie die beste aller Staatsformen ist. Sie ist die schlechteste mit Ausnahme aller anderen. Sie kommt nicht von Fleck, während die KI uns Menschen im Monatsrhythmus abhängt. Die beste Staatsform ist die, des gütigen und weisen Königs, sage ich. „Königin“, wirft Judith ein und zählt auf: Kleopatra, Maria Stuart, Katharina die Große, Pipi Langstrumpf. „Gut, geht auch“, sage ich und nehme mir vor, irgendwann einmal gezielt nach den Schwächen dieser Damen zu suchen.

Aber nicht heute. Heute habe ich dazu keine Zeit, denn ich nehme Abschied von meiner blauen Lebenslüge. Ich ertappe mich dabei, wie mir ein Gedanke durch den Kopf schießt: „Ein bisschen besser ist es vielleicht, mit einer Lebenslüge zu leben.“ Oder mit zweien. Ich setze mich hinter den Computer und schlage meine Lieblingsseite auf. Die mit den Gebrauchtwagen. Noch rede ich gegenüber Judith nicht darüber, aber da ist ein Porsche im Angebot. Gar nicht so teuer. Goldmetallic.