Los, gehen wir tanken!
„Schatz“, sage ich zu meiner Frau, „ich gehe kurz tanken.“ Es ist am helllichten Vormittag. Die Videokonferenzen sind eng getacktet. Die To-do-Liste reicht über zwei Seiten. „Rom, wurde auch nicht an einem Tag erbaut“, sage ich zu mir, streiche entschlossen acht Punkte von der heutigen Liste und verschiebe sie auf morgen, denn jetzt ist es 11.15 Uhr, und ich muss wirklich tanken. Um zwölf ist wieder Preiserhöhung und den gierigen Konzernen schlage ich ein Schnippchen. So wie die anderen elf Autos auch, die vor mir an der Zapfsäule warten. Vielleicht schenke ich Judith zum Dreißigsten oder so eine ganze Tankfüllung. „Liebling, das wäre doch nicht nötig gewesen“, wird sie dann sagen und verschämt mit den Augen klimpern. Tanken ist jedenfalls zum Erlebnis geworden.
Eigentlich war es das schon immer. Ich entsinne mich an Abende, wo wir uns mit Vorsatz zu dem getroffen haben, was wir „Druckbetankung“, nannten. Der Physiker bezeichnet damit ein Verfahren, bei dem Flüssigkeiten unter Überdruck in einen geschlossenen Behälter gefüllt werden. Das ermöglicht im Vergleich zur Schwerkraftbetankung eine deutlich schnellere und zentrale Befüllung. Erst als Frauen einen Platz in meinem Leben beanspruchten und erst recht als Judith sich zum Bleiben entschloss, habe ich dieses Verfahren eingemottet. Manchmal allerdings überkommt mich noch heute eine Sehnsucht danach, obwohl ich zwiespältige Erinnerungen hege.
So richtig auftanken gehen – das ist eine Sehnsucht, die sich Judith und ich noch immer gern erfüllen. Für uns bedeutet das, mehr Zeit in sich aufzusaugen, als zum gleichen Zeitpunkt verrinnt. Das letzte Mal haben wir es im vergangenen Sommer geschafft. Wir sind in der alten Karre die heiße Autobahn runter zum Mittelmeer gefahren, die Luft über dem schwarzen Asphalt flimmerte, Klimaanlage gab`s nicht. Wir haben die Fenster runtergekurbelt und Judith hat ihre braunen Beine mit den hübsch rot lackierten Nägeln im Fahrtwind gekühlt. Wir haben frische Pasta mit gegrilltem Fisch an einem wackligen Tisch in einem dieser Bagni am Wasser geschlürft, wir haben uns über unser Töchterchen und manchmal auch die Hündin unterhalten, die wir Freunden aufs Auge gedrückt hatten. Es roch nach Algen, Sonnencreme und Feuerstelle und die Betten im Hotel quietschten. Die Zeit raste, aber wir wissen noch jede Minute davon. Wenn wir einmal unsere Memoiren schreiben, werden nicht die unzähligen Tage, die morgens mit dem Blick aufs Display starten, eine Rolle spielen, sondern diese 30 Stunden, in denen wir auftanken waren.
„Wir sollten“, sage ich zu Judith, „den Konzernen dankbar sein. Sie erinnern uns daran, dass Tanken schon immer ein besonderer Moment gewesen ist.“ Judith entgegnet, sie fände es ein bisschen besser, zum Dreißigsten oder so anstatt eine ganze Tankfüllung zu bekommen, mal wieder auftanken zu fahren. Ich nicke und klimpere verschämt mit den Augen.