Auf zum Mond!

Demnächst landen wieder Menschen auf dem Mond. „Und auch ein Deutscher soll dabei sein“, sage ich zu Judith und fühle Stolz in mir. Ein Deutscher auf dem Mond! Sozusagen ein Teil von mir unter den ersten Kolonialisten, Wahnsinn! Und das völlig unverdächtig, denn indigene Völker, die vertrieben und denen zuvor Kulturschätze geraubt werden müssten, gibt es da oben nicht. Ob sie auch zum Mond fliegen würde, wenn sie könnte, frage ich. Nö, sagt meine Frau, sie flöge lieber nach Buenos Aires. Sie sei nicht so für lange Mondflüge. „Oder nach Wuppertal?“, frage ich. Nö, auch nicht, das kenne sie schon.

Dabei birgt Wuppertal so seine Überraschungen. Friedrich Engels und Christian Lindner sind dort geboren. „In der Familie ist der Mann der Bürger und die Frau der Proletarier“, sagt der eine, was Judith und mir egal sein kann, weil wir wissen, dass bei uns alle Macht vom Kühlschrank ausgeht. „Probleme sind nur dornige Chancen“, sagt der andere, er hätte auch sagen können: Arbeitszimmer seien nur dornige Schafzimmer, was ganz gut die Anwendbarkeit von Managementregeln im klassischen Alltag demonstriert.

Ist Buones Aires doch ein bisschen besser? Der berühmteste Schriftsteller, der dort bisher das Licht der Welt erblickt hat, ist Jorge Luis Borges. Er wurde 1955, dem Jahr, in dem er mit 56 Jahren vollständig erblindete, Direktor der argentinischen Nationalbibliothek und bei seiner Antrittsrede sprach er „von Gottes großartiger Ironie, mir einst 800.000 Bücher und Dunkelheit zu gewähren“. Als er ziemlich genau vor 40 Jahren in Genf starb, hat er ein gewaltiges Werk und unter anderem ein Gedicht mit unter anderem diesen Zeilen hinterlassen: „Ich nähere mich meiner Mitte / meiner Algebra und meinem Schlüssel / meinem Spiegel.
Bald werde ich wissen, wer ich bin.“ 

Borges musste nicht auf den Mond, um zu wissen, wer er ist – womit er etwas mit Judith gemeinsam hat. Ich selber bin noch unschlüssig: Zur Sonne zur Freiheit, zum Mond? Oder der Tango des Lebens mit Judith in Buones Aires? „Schatz“, rufe ich und packe Roller und Hündin, Grill und Töchterchen in den großen Kombi, „wir wollen los.“ Auf geht‘s in die Boltenheide, liegt in Vohwinkel, was ein hübscher Stadtteil von Wuppertal ist. Und für heute ist das unsere Mitte.