Unsere Wahl ist gelaufen

Ich kann das nachfühlen. Wahrscheinlich hat der Tag für Manuel Hagel unten in Ehingen im Ländle, schon damit begonnen, dass der Schnürsenkel reißt. In den Wahltag hineingeschlafen hat er auch schlecht: Rehäugige 16jährige zogen durch seine Gedanken, wie abstürzenden Börsenkurse, die sich am Bildschirmrand bei Ntv vorbeidrücken. Meine Frau Judith hat Katzenaugen. Gerade trägt sie eine Sonnenbrille. Sie sitzt auf der Terrasse und tankt die goldenen Strahlen, die sie Sonne heute schickt. Glockengeläut. Sonntag liegt in der Luft. Die Woche wird hart.

Wir wollen uns nicht mit den Hagels vergleichen, aber bei uns ist auch nicht alles Gold, was glänzt. Gerade erfinden wir uns neu wegen der KI. Sie krempelt alles um und jeden. Ich habe sie mal eine Geschichte schreiben lassen. „Schreibe optimistisch und pointiert über die Aussichten von Manuel Hagel“, habe ich sie gebeten. Herauskam ein Werk, in dem sehr viel „Mut“ und „Haltung“ drinsteckte, wo der vierte Absatz das gleiche sagte wie der zweite nur mit anderen Worten, und wo das Ende so klang: „Ob er auch gewinnen kann, wird die Wahl zeigen.“ Ich habe den Text in den Orkus gejagt.

Judith, die Bilder machen kann, die direkt auf die Seele zielen, hat jetzt Kundinnen, die ihr ein Foto von sich zeigen, das sich die KI ausgedacht hat. Genauso wollten sie aussehen, sagen sie dann und Judith soll loslegen. Und wehe, wenn die launige Natur einen Strich durch die künstliche Rechnung macht: Dann muss Judith nachsitzen. Am Ende sehen alle aus wie Manuel Hagel: glatt, adrett, und porentief rein wie eine Flasche alkoholfreies Bier.

Mir fallen die chinesischen Porzellanvasen aus der Ming-Dynastie ein. Sie sind sehr teuer. Noch begehrenswerter werden sie, wenn sie mal runtergefallen und wieder zusammengeklebt sind, wobei der Chinese als solcher eine Technik entwickelt hat, zwischen die Fugen der Scherben hauchdünne Goldfäden zu legen. Die so gekittete Vase sieht besser aus als das Original. „Zur Vollkommenheit gehören Narben, die das Leben schreibt“, sage ich Judith. „Tränen, die die Sonne trocknet. Schweiß, der salzige Ränder auf Deinem Hemd hinterlässt.“

Judith setzt die Sonnbrille ab. Vielleicht hätten wir gestern Abend nicht so lange feiern sollen. Vielleicht liegt es auch daran, dass meine Augen noch verquollen sind. Auf jeden Fall ist sie perfekt. Ich würde niemanden anderes wählen.