Sag mir, was du trinkst – und ich sage dir, wer du bist
Judith sagt leichthin, es sei ein bisschen besser, auf Franciacorta umzusteigen. „Francia – wie?“, frage ich und bin – peng – raus. Ich gehöre nicht dazu. Ich gehöre nicht zu denen, die den versteckten Code verstehen, der in ihren Worten liegt.
Rückblende: Einst gab es Sekt für alle, die etwa zu feiern hatten, und die Oberschicht hat sich den Champagner hinter die Binde gegossen. Dann kam Prosecco hinzu, und alle, die nicht zu Unterschicht gehörten und trotzdem einen drauf machen wollten, tranken Prosecco. Es war ein Zeichen sozialen Aufstiegs zur Prosecco-Fraktion zu gehören.
Dann passierten zwei Vorgänge auf einmal: Die Nachdenklichen fragten sich, warum ein Prosecco immer noch weniger kostete als eine ordentlich Flasche Wein. Sie sagten sich, da müsse etwas faul sein. Und: Aldi brachte Champagner für unter 20 Euro ins Wein-Regal. Das war das Ende des Proseccos, weil sich nun die Aufsteiger den Champagner leisten konnten und sicher waren, damit in der Oberschicht angekommen zu sein. Judith und ich sind in dieser Zeit auf Cremant umgestiegen, was mir etwa so verschwörerisch vorkam, wie Louis Vuitton im Outlet zu kaufen. Die Cremant-Flasche gab es auch beim Aldi, sie stand bescheiden hinten in der linken Kurve, und im Freundeskreis errangen wir mit unserem Bohemian-Style eine gewisse Achtung. Dann aber schlug ich nach und erfuhr, dass im Jahr 2022 mehr als 100 Millionen Flaschen Cremant überwiegend von Franzosen weggeschlürft wurden und mit der Bohème war es vorbei. C’est la vie.
Macht nichts. Karl Marx fällt mir ein, der alte Spezialist für Klassendefinitionen übersetzt „la bohème“ mit „Lumpenproletariat“ und dazu wollen Judith und ich wirklich nicht gehören. Ein anderer führender Deutscher, Friedrich Merz, bezeichnet sich als Angehöriger der „gehobenen Mittelschicht“- was theoretisch irgendwo zwischen Cremant und Champagner liegen muss. Allerdings sagt er auch, dass er fast nichts Alkoholisches mehr trinkt, was uns die obere Mittelschicht suspekt erscheinen lässt.
Als ich Judith frage, zu welcher Schicht wir denn nun gehören, kommt sie mit dem Franciacorta. Das sei ein Schaumwein von der oberitalienischen Seenplatte ist, wo wir uns oft heimisch fühlen. Vom Fanciacorta werden nur etwa 30 Millionen Flaschen produziert – ein Drittel vom Cremant und ein Zehntel von dem, was an Champagner jährlich erst in Flaschen und dann in Kehlen landet. Man könnte also sagen, es ist der Schaumwein für Individualisten.
Eigentlich müsste ich froh sein, denke ich, mit einer Frau verheiratet zu sein, die sich so gut auf solcherlei versteckte Codes versteht. Glücklich schaue ich in ihre grünen Augen und öffne ein Piccolöchen nur für uns zwei.