Stell dir vor, du kommst aus dem Eis – und niemand kann dich regieren
„Judith“, sage ich zu meiner Frau und greife tief in die Poesiekiste, „stell Dir vor, Du wärst die Prinzessin, die aus dem Eis kommt. Es hat Dich großgezogen. Es knirscht unter deinen Stiefeln wie Eierschale zwischen den Zähnen, und manchmal glaubst Du, es kennt Deinen Namen ein bisschen besser als ich.
Du hast dort gelebt, wo das Weiß nicht leer ist, sondern voller Geschichten. Dein Eis war kein Gefängnis, es war dein Gedächtnis. Und wenn der Wind vom Fjord gekommen war, sprach er mit der Stimme deiner Großmutter: streng und liebevoll. Jeden Morgen bist du aufgestanden, bevor das Licht es sich anders überlegt hatte. Du hast auf das Wetter gewartet, beim Fang geholfen, und manchmal hast Du einfach still dagesessen, dem Meer beim Atmen zugeschaut und dem Brechen des Eises gelauscht. Du jagtest die Robben nicht aus Grausamkeit, sondern aus Respekt. Eine Robbe gibt Wärme, Nahrung, Licht. Ihr Fett brennt in der Lampe, du kannst es noch immer riechen, ihr Fleisch nährt die Familie, ihre Haut schützt Dich vor dem Winter, der immer gierig nach Dir gegriffen hat.
Wärme ist für Dich nicht nur Gefühl, sondern eine Errungenschaft. Dein Haus hast du mit Öl und Strom warmgemacht, und manchmal auch mit Geduld. Wenn draußen minus vierzig Grad herrschten, wurde drinnen jedes Geräusch so weich wie ein Eisbärenfell. Dann habt ihr zusammengesessen, eng wie die Gedanken. Essen ist Erinnerung. Ein Mahl ist Überleben. Brot gab es nur, wenn das Schiff durchgekommen war. Gemüse war ein seltener Gast. Und immer gab es Suppe. Suppe hält die Seelen zusammen.
Der Schnaps dagegen ist ein schwieriger Verwandter. Er kam von weit her, wie viele Probleme und manche Menschen. Einige haben getrunken, um zu vergessen, manche um zu feiern, manche, weil das Dunkel zu lang war. Das Internet kroch auf deine Insel wie ein vorsichtiger Fuchs. Die meisten falteten morgens noch die Zeitung auseinander Sie heißt Sermitsiaq, und sie roch nach Papier und Gegenwart. Du mochtest das Rascheln. Es hat dich daran erinnert, dass die Welt Geräusche macht, die bei dir sonst nicht vorgekommen waren.
Wenn die Hunde bellten, wusstest du, dass der Tag dich braucht. Hundeschlitten sind kein Postkartenmotiv, sie sind Existenz auf Kufen. Die Hunde kennen den Weg besser als jedes Navi. Deine Insel ist so groß, dass man sich darin verlieren kann. Eis, Berge, Fjorde, Stille. Entfernungen, die nicht in Kilometern gemessen werden, sondern in Geschichten. Manchmal hast Du Dich gefragt, ob das Eis dich trägt oder du das Eis.“
„Ach mein Poet“, Judith lächelt. „Wenn ich so eine Eisprinzessin wäre, wie Du erzählst, wäre es mir sicher völlig schnurz, wer unter mir gerade der Herrscher wäre“, sagt sie und dreht die Nachrichten über Grönland für heute entschlossen ab.